Montag, 9. April 2018

Kritik zum Film "Ella Schön" Teil 1 (Spoiler)

Gestern lief der erste Teil des Films "Ella Schön" im ZDF. Viele Autisten haben sich dazu bereits geäußert, indem sie die klischeehafte und überzogene Darstellung des Asperger-Syndroms kritisierten. Doch was ist an dem Film eigentlich so klischeehaft und welche Elemente stellen das Thema Autismus vielleicht doch nicht so schlecht dar? In meinem folgenden Beitrag erzähle ich über meinen eigenen Autismus, indem ich erkläre, wie ich persönlich in den jeweiligen Situatuonen reagiert hätte.

Zu Beginn des Films reist die Juristin Ella Schön auf eine Ostseeinsel, wo sie ein Haus geerbt hat. Ella ist gerade auf dem Weg zu einem Termin, als sie plötzlich eine Frau auf einem Fahrrad anfährt, die nicht mehr ausweichen konnte. Die Frau ist völlig fertig, doch Ella nimmt die Situation nach einem kurzen Schock scheinbar gelassen - emotionslos und roboterhaft entschuldigt sie sich bei der Frau und erklärt dann, dass sie weiter müsse. Bei mir hätte die Situation vollkommen anders ausgesehen. Oft fällt es Autisten schwer, ihre Emotionen herunter zu regeln. Sie sind überwältigt von ihren Gefühlen, was zu Gefühlsausbrüchen führen kann. Wahrscheinlich hätte ich in der Situation angefangen zu weinen. Ich hätte mich tausendmal entschuldigt, hätte mich mehrmals versichert, dass der Frau nichts passiert ist und hätte dann erneut geweint. Dazu, so schnell wieder Auto zu fahren, wäre ich überhaupt nicht in der Lage gewesen! Vielleicht hätte ich noch eine ganze Stunde am Unfallort gessessen und weitergeheult. Dann wäre ich zittrig nach Hause gefahren und hätte an meinen Nägeln gekaut.

Wo wir doch garade beim Thema Nägelkauen sind - Stimming fehlt in dem Film leider komplett. Stimming bezeichnet die sich wiederholenden Bewegungen die Autisten manchmal ausführen, um sich zu beruhigen. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Manche Autisten schaukeln hin und her, manche drehen sich im Schreibtischstuhl, andere widerum wippen mit dem Bein oder spielen mit Gegenständen. Bei Erwachsenen ist das oft unauffälliger als bei Kindern und verlagert sich häufig in die Privatsphäre, da Erwachsene Autisten dafür bereits oft genug schief angeguckt wurden. In den heftigen Ausnahmesituationen wie Unfall oder Geburt, die bei Ella Schön dargestellt werden, wäre Stimming aber zu erwarten gewesen. Ich habe allein durch das Zugucken damit angefangen! Man kann nämlich wirklich nicht behaupten, dass es dem Film an Spannung mangeln würde.

Die emotionale Überladung ist später im Film übrigens besser dargestellt. In der Geburtsszene muss Ella den Raum verlassen und weinen, da ihr alles zu viel wird. Diese Reaktion ist wesentlich typischer und hätte bei mir so ähnlich ausgesehen. 

Dass Ella Smalltalk nicht mag und diesen lieber vermeidet ist zwar typisch für eine Autistin, aber sehr extrem dargestellt. Ella wirkt schroff und abweisend, was den Eindruck vermittelt, dass Autisten nicht an Freundschaften interessiert wären. Dies stimmt aber überhaupt nicht! Oft wünschen wir uns soziale Kontakte, wissen aber nicht, wie man andere Menschen kennenlernt und so wirkt, dass andere uns auch mögen. In Ellas Situation - beispielsweise mit dem Mann im Auto - hätte ich den Smalltalk einige Zeit ertragen und dann das Thema auf eines meiner Interessen gelenkt. Dann hätte ich den Mann die ganze Fahrt über mit meinem Interesse vollgetextet und vermutlich nicht gemerkt, dass es den Mann nicht die Bohne interessiert. Das mit dem Themenwechsel macht Ella übrigens auch - ihr Spezialgebiet sind die Rechtswissenschaften. In der Dartellung ist aber das Vorhandensein eines Spezialinteresses gegenüber emotionaler Kälte leider zu kurz gekommen.

Was in der Darstellung ebenfalls ein wenig daneben gegangen ist, ist Ellas Verhalten bezüglich Ordnung und Routine. Ja, Autisten mögen eine gewisse Ordnung - so habe ich als Kind beispielsweise meine Stifte gern nach Farbe sortiert und als Erwachsene hänge ich meine Wäsche nach Art geordnet auf. Mein Zimmer sah jedoch trotzdem immer schrecklich aus und auch heute ist meine Wohnung eher mittelmäßig ordentlich. Man kann sich das so vorstellen: Im Schrank sind die Oberteile nach kalten und warmen Farben sortiert, aber dazwischen befinden sich Kekskrümel und ein halb leer getrunkenes Glas Wasser. Diese eigenartige Mischung aus Ordnung und Unordnung liegt einerseits daran, dass Routine beruhigt - viele Autisten haben Probleme mit der Handlungsplanung, weshalb eine immer gleiche Routine Struktur ins Chaos bringt. Andererseits haben wir aber immernoch Probleme mit der Handlungsplanung, wozu auch Aufräumen gehört. Man hätte Ella also ruhig etwas unordentlicher darstellen können und sie das ein oder andere Mal mit Unbehagen reagieren lassen wenn sich etwas in ihrem gewohnten Tagesablauf ändert.

Was ich an dem Film allerdings gut finde, ist die Darstellung von Ellas Qualitäten. Über 80 Prozent der Autisten in Deutschland sind arbeitslos, da Arbeitgeber leider mehr auf die soziale Kompetenz als auf die fachlichen Qualifikationen schauen. Damit hat auch Ella zunächst zu kämpfen, jedoch begegnet sie immer wieder Menschen, denen Ellas Talente und ihr Wissen auffallen. Schließlich möchte sie ihr ehemaliger Arbeitgeber zurück und der Anwalt auf der Ostseeinsel erkennt sie ebenfalls als ausgezeichnete Juristin an. Diese Darstellungen könnten durchaus dabei helfen, Arbeitgeber dazu zu bringen, mehr Autisten einzustellen, doch leider ist die Figur der Ella zu unsympathisch und roboterhaft, als dass dies etwas hätte ändern können.

Kommentare:

  1. Danke für deine interessante Kritik. "Stimming fehlt in dem Film leider komplett" hatte ich so nicht gesehen. Für mich erfüllten die Szenen, in denen sie offenbar stundenlang Pingpong spielt die Stimming Kriterien.
    Dass in diesem Film erstens eine weibliche hochfunktionale Autistin dargestellt wird, die zudem noch Arbeit hat und sogar abgeworben wird, finde ich auch positiv. Der Realität entspricht das nur leider nicht.

    AntwortenLöschen
  2. Hi,

    danke für den Kommentar! Stimmt, das könnte wirklich sein. Ich hab das Tischtennisspielen eher als Interesse gesehen, aber es hat durchaus einen repetitiven Charakter. Auf jeden Fall scheint es - genauso wie das Meer - einen beruhigenden Effekt auf Ella zu haben.

    AntwortenLöschen

Ich hab schonmal einen Wikipediaartikel über Autismus gelesen, du kannst das gar nicht haben!

Eigentlich gehe ich recht offen damit um, dass ich Autistin bin. Die Reaktionen auf diese Selbstoffenbarung sind gemischt: Manche sind einfa...